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Fliege im Auto, Teil 5

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Geschichtle III (Part 1e)
 Fortsetzung von: "Fliege im Auto (Pt. 1+2+3 und 4)" 

http://nachadla.blogspot.com/2013/12/fliege-im-auto-teil-5.html

"Wirklich gute Fahrer haben die Fliegen auf der Seitenscheibe!"
(Walter Röhrl, deutscher Rallyefahrer)

Bevor der Text folgt [noch in 2013] verzeiht mir bitte das oben erwähnte Zitat...
Bis dahin vielleicht lieber über das Zitat von Nietzsche (unten) im Bezug auf diesen 5-Teiler nachdenken, der so gesehen sehr doppeldeutig wirken kann ... sofern man die ersten 4 Teile gelesen hat. 
Und wenn nicht, dann gilt: sein lassen oder (nach)lesen!  


K a p i t e l  I V
- Die Heimreise -
(Fortsetzung)

Myrrhe! Ich versuchte es noch ein wenig mit umgekehrter Psychologie. Denn trotz all meiner Gedanken wollte die Sonne nicht so schnell vom Süden wegwandern, wie es mir recht gewesen wäre. Zwar knallten sie nicht mehr direkt auf das Automobil, aber auch noch nicht in dem Neigungswinkel, denn es bedurfte, damit mir das Vordach der Lagerhalle eine Platz im Schatten einbrachte.
Was wäre also abwegiger als in solch warmen, ja für mich fast unerträglich heißen, Momenten an die kalte Jahreszeit zu denken. 
Einige meiner epigenetischen Vorfahren waren natürlich seinerzeit an Ort und Stelle, als 3 Gestalten 3 anderen 3 Geschenke mitbrachten, mit denen meine Art nichts anzufangen wusste, zumindest fanden wir anwesenden Fliegen gerade eben 2 der überreichten Gaben äußerst trügerisch - und zwar im Bezug auf die 3te ihrer Art.
Jene war Gold. Und mit Gold kann man uns anziehen [vgl. Teil 2, 1. Abschnitt, Fortsetzung v. 21.10.13], mit Myrrhe und dem mitgebrachten Weihrauch allerdings bei Entzündung im wahrsten Sinne des Wortes verjagen. Aber egal in welchem Aggregatzustand - Myrrhe und Weihrauch sowie alle anderen Arten der so genannten Balsambaumgewächse gehören definitiv nicht zu unseren bevorzugten verholzten Pflanzenarten.

Wir waren im Stall dort gar zahlreich vorhanden und taten schon viele Generationen unsere Dienste an Ochse und Esel. Damals scherte sich kein Mensch darum, uns von ihren Säugetieren im Stall fernzuhalten. Warum sollten sie das auch tun? Ich bin mir zwar nicht sicher, ob sie noch über das überlieferte Wissen ihrer Ahnen verfügten - wage es stark anzuzweifeln -, aber zumindest duldeten sie unsere Präsenz dort. Und die Tiere im Stall waren glücklich darum, denn ihr Leben als Nutzwesen war kein einfaches in diesen Zeiten. Ebenso wenig machten sich die Menschen Gedanken über ihr Wohlbefinden, so lange sie eben ihre Arbeit zu deren Zufriedenheit verrichten. Uns Fliegen taten sie irgendwie leid, wussten wir doch, was mit ihnen passieren würde, sobald erste Alterserscheinungen auftreten würden, obgleich sie dann noch weit entfernt waren auf natürliche Art und Weise wieder in und mit der Erde aufzugehen. Ohne Sinn und Verstand, ohne Verständnis, ohne Herz, ohne palliative Fürsorge, ohne Würdigung ihrer jahre-, ja sogar jahrzehnte langer treuer Hilfe ... genau so, geradezu erbärmlich, erschienen uns die Menschen, die ihr Vieh unter das Messer nahmen, ihnen den Ruhestand des Alters verwehrten. Für das Leben waren sie nicht mehr nütze, ja gar lästig in Zweibeiners Unsinne. [*1]


Die Menschen waren schon zu diesen Zeiten fern ab von ihrem Weg. Doch wie sollten wir es ihnen vermitteln, wenn selbst ihre Arbeitsklaven das in ihrer unfassbaren Treue nicht wahrhaben wollten. Immer wenn wir ihnen so gesehen ihr Schicksal wahrsagten, wedelten sie mir ihrem Schwanz, schlackerten mit den Ohren, traten sogar aus mir den Hinterläufen. Sie wollte es nicht hören, aber wir wollte nicht nachgeben, auch wenn noch so viele von uns den körperlichen Tod fanden, wenn sich der Esel mal wieder am Einstand den Rücken kratzte, um sich unserer zu entledigen.      

Ich stand noch am Anfang meiner Gedanken zu diesem Vorkommnis aus einer früheren Zeit als mich ein Geräusch von außen aus den Tagträumen kurz und doch entschieden heraus rieß.
Das konnten nur mein Heimbringer sein! Noch sah ich ihn nicht, aber ich konnte seine Anwesenheit spüren. Doch irgendwie erschien mir seine Ankunft als viel zu früh. Ich wollte ihn entgegenfliegen und begrüßen, doch ich war zu schwach, die Stunden im aufgeheizten Wagen hatten Spuren hinterlassen. Das Warum und Weshalb er so bald wieder kam, war ein kleines Rätsel, das mir im Nachhinein klar werden sollte und im Moment betrachtet wohl das Leben rettete. Denn mit ihm kam auch wieder trockene, aber auch kalte Luft in das Gefährt. Das Konstrukt auf 4 Rädern war wieder am Rollen! 

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Zurück in den Stall drifteten somit meine Gedanken und verblieben auch dort bis zum Ende der Heimreise.

Entfremdete [*2] Zeitgenossen stoßen also mit, für uns Fliegen, verwirrenden Geschenken in unserem Generationenhaus auf und hinzu zu dem Mann, der Frau und dem neugeborenes Menschenkind sowie eben auch zu den Tieren in Form von den schon erwähnten Ochsen und dem Esel. Sie waren bereits die zweite Schar Fremdlinge, die uns nach den Hirten besuchten, aber die erster ihrer Zunft, welche unser harmonisches Miteinander nachhaltig stören sollten. 

Mir oder vielmehr meinen Vorfahren (je nach Betrachtungsweise) erschien die Gestalten ebenso fremd im Vergleich, wie die heute in der Mittagssonne von mir beobachteten Wegelageren auf der Rampe bei deren Fresseskapaden. Ihr Mitgebrachtes war ebensowenig kostbar wie das tote Essen der jugendlichen Zweibeinern und genauso irritierend in Bezug auf die Verlockung, die uns Fliegen in Form des Goldes drohen hätte können.
Dem Mann muss das ebenfalls aufgefallen sein, denn noch in der gleichen Nacht entschloss er sich den Stall mit der Frau und dem Säugling eilends zu verlassen. Die beklommenen Güter nahm er glücklicherweise mit, ohne sie vorher mit Feuer zu entfachen oder offen auszulegen. 

Erst viele Jahrhunderte später entdeckte ich die katastrophalen "Auswirkungen" [*3], die durch dieses Erlebnis hervorgerufen wurden, ebenso wie die Verquerungen von Geschichtserzählungen, so frohlockend ihr Anschein auch war und weiterhin zu sein schien.
Im Nachhinein kann ich den Gestalten - so ich den Niederschriften zu glauben traue - nur den Hochmut absprechen, denn entgegen ihrer Weisungen kehrten sie nicht zurück zu ihrem Auftraggeber und verschwiegen ihm die Ankunft des Heilands, der in diesem Stall den Hauch des Lebens in körperlicher Form erhalten hatte. Ihm kann man keinen Vorwurf machen, nur all denen, die seine Lehre verquert überlieferten und ferner dazu führten, dass heutzutage kaum eine Fliegen in Steinmauern mit Glockentürmen immensen Ausmaßes Einzug hält. Trotz allen vergoldendem Geschnörkel wissen wir um die abschreckende Wirkung des Weihrauchs.   


K a p i t e l  V
- Nach der Reise -

Mit solchen schweren Gedanken im Gepäck war die Rückfahrt für mich im Kofferraum erstaunlich kürzer in Erinnerung als die Fahrt in die Ferne, der ich jetzt ewig den Rücken kehren werde. Ich war sogar so in mir vertieft, dass ich meine Ausstiegsmöglichkeit bei der Ankunft in meiner Heimat verpasste.
Aus Erfahrung wusste ich, dass dieser faux pas eine unmittelbare katastrophale Kaskade für mich persönlich mit sich ziehen konnte, da der Fahrer es gewöhnlich nicht vorzog nach der Abstellung seines Vehikels am gleichen Tag eben jenes noch einmal zu gebrauchen. Ich wäre somit ein Gefangener für eine Nacht mit direktem Blick auf die Heimat ohne an ihr sich beteiligen zu können. Eine Verschwendung wertvoller Zeit, die mir noch blieb, um mich auszutauschen, mein erlangtes Wissen weiterzugeben.
Es war mein fester Wille für meine Verbohrtheit zuerst beim Greis sowie dann auch beim Rückkehrer vorzustehen, sie um Verzeihung zu beten. Es war eine unglückliche Situation, aus der ich mich nicht eigenhändig befreien konnte. Es konnte (mir) nur noch ein Wunder widerfahren, auf das ich an der Scheibe der hinteren Verglassung klebend wartete.

Es ist mir rätselhaft, warum es mir erst so spät auffiel, dass mein selbst gemachtes Gefängnis nicht an seiner zugeschriebene Stelle stand. Zumindest verriet mir das der Blick nach draußen. Die Gegend kam mir zwar sehr vertraut vor, aber nicht aus dieser Perspektive. Zweifellos war ich in der Heimat, doch wo stand das Gefährt? Normal müssten dort hinten Apfelbäume stehen, eingezäunt von hohen Maschendraht. Doch ich sah nur gepflasterten Asphalt und andere Häuser entlang einer Straße. Das mir bekannte Haus war zu meiner linken, es sollte aber zu meiner rechten Seite sein. Verzweiflung tat sich in mir auf. Wo stand ich?


- - - Fortsetzung 30.12.13 - - -

Es war mir schlicht und ergreifend unmöglich ruhig zu bleiben. Die Vielzahl der umgebenden Geräusche war für meinen Geschmack äußerst störend, veränderte meine aussichtslose Situation nur zum schlechteren.[*4] 
Irgendwie war es ruhig, wenn das Steingemäuer zur rechten und richtigen Seite zum Verbrennungsetwas stand. Es schien mir in diesen ersten Minuten der erneuten Einsamkeit in jenem Fortbewegungsmittel schier unbegreiflich, warum Menschen so darauf erpicht waren sich stets in eben einen solchen von A nach B bewegen zu müssen. [*5] Vielleicht war ich schon im Delirium, als mir die verquerten Gedanken aufkamen, ob denn ein Benutzen und ein Darinaufhalten auf kurze Zeit ein wenig Leid vermehrt und dem (so gesehen unnatürlichen) Tod einem Wesen näher bringt, wenn ein langes Ausharren in so einem eben leidvoll und tödlich sein kann, sofern man es wie ich heute in der Spätsommermittagssonne zelebriert. 

Weitere Fragen, wie das Verhältnis wäre, wenn heute Hochsommer wäre oder ein kalter Tag im Winter kamen in mir nur kurz auf. Ein dumpfes Bumbern, ein Geräusch das mir vertraut war erweckte Erinnerungsfetzen. "Dass muss sie wieder sein!" dachte ich mir nicht, sondern hörte ich mich summen....
Die Begleitung des Chauffeurs war mir hingegen weniger vertraut, aber auch nicht gänzlich unbekannt.


Das Gefühl der Freiheit kam in mir wieder auf, hatte jetzt aber einen ganz anderen Stellenwert als am Morgen. Die Freiheit war nicht nur gleich für mich zu finden, erlöste mich von den Qualenstunden des Tages, sondern war auch unmittelbar dort wo meine Heimat war, der Entstehungsort meiner körperlichen Hülle.
Ein ähnliches Empfinden konnte ich auch von Außen und sich nähernd auf mich zukommen fühlen. Es war eine fröhliche und mit vollen Tatendrang bewegte Welle an Emotionen, die um des Chauffeurs Körper Ausdruck fand.
Springend und Schwanzwedeln begleitend mit einem kurzem Aufwuffen in Richtung der Außenwelt, der es auch in diesem Zustand der Erregung zu sagen galt, dass sie keinesfalls unbeachtet blieb.

Jetzt wusste ich auch den Wochentag zu schätzen, denn die Menschen Montag nannten. Ob es das auf vier Beinen gestelzte Säugetier auch so sah blieb mir unbekannt, spielte aber keine Rolle. Die Kostümierung in Form eines Brustgeschirrs stand der aschblonden Dame allemal und sollte wohl einem Außenstehenden das Verständnis bringen, dass die menschliche Begleitung eine wichtige Aufgabe zu erfüllen hätte. Nahezu zeitgleich erkannte ich, dass der Fahrzeugführer sein Outfit ebenfalls geändert hatte. Scheinbar war nun auch er ein Teil dieser Wichtigkeitsaufgabe. Überlegungen warum sich Menschen überhaupt ankleideten striff ich beiseite, denn es glatt nun möglichst schnell zu reagieren, damit ich nicht auf ein Neues den Flug in die Freiheit verpasste.
Denn auch für mich war es nun allmählich Zeit meine Erkenntnisse weiterzugeben.


Der Kofferraum öffnete sich für mich ein letztes Mal. Unbemerkt für den Hund entschwand ich in die Freiheit und flog hinfort.
Aus der Ferne konnte ich zwischen allen Störgeräuschen noch ein "Mach's gut Fliege" heraushören ...

- - -


Nachtragsbild vom 27.01.2014 
...mit dem besten Dank an Gruebchen vom Grueb-Style-Blog, die diese gelungene Makrofotografie abgelichtet hat (Direktlink zum Post) ... und wer weiß, vielleicht ist das ja ein epigenetischer Nach- oder Vorfahre des Protagonisten ...??! :-)


http://grueb-style.blogspot.de/2014/01/insekten-ganz-nah-erste-versuche-in-der.html
http://grueb-style.blogspot.de/2014/01/insekten-ganz-nah-erste-versuche-in-der.html


"Derjenige der Fliegen lernen will, muß erstmal lernen auf beiden Beinen zu stehen.
Man kann nicht mit dem Fliegen anfangen."
(Friedrich Wilhelm Nietzsche)

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