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•••Ⓚontakt

Der vermaledeite Gedankenstrich

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Über- oder bedenkenswert (Pt. 33)

Einst hatte ich mal das 10-Finger-System auf der Schreibmaschine gelernt. Die ersten Gehversuche unternahm ich auf einer mechanischen [s. Abb./leider verriegelt (+ Schlüssel nicht auffindbar)], die weiteren – auch die schulischen – auf einer elektrischen, also einer Apparatur, die den Saft aus der Steckdose bedurfte. Die mechanische Maschine (. . .) war keinesfalls ein Klassiker stammend aus dem Hause Underwood und die elektrische Variante hieß auch nicht Erika, sondern war eher eine Olympia oder vielleicht auch ein Fabrikat von AEG oder gar IBM. Um ehrlich zu sein, kann ich mich nicht mehr an die Marke(n) erinnern, und ich denke, ich kann mit dieser Gedankenlücke relativ behaglich bis ans Ende meiner Tage leben.
Auch ohne einer expliziten Zeitangabe meinerseits – ich gebe sie (aus oder an): es war frühestens 1992 und spätestens 1993 (1992–1993) –, ist ein unumstößlicher Fakt zu nennen: auf Schreibmaschinen gab es keinen ›Gedankenstrich‹; der Halbgeviertstrich existierte nicht, es gab nur den ›Divis‹ – den ›Kurzstrich‹ (Viertelgeviertstrich). Das ›streckende Exemplar‹ war seinerzeit auch noch gar nicht in der Norm für Schreib- und Gestaltungsregeln (DIN 5008) vorgesehen. Erst mit der Änderung der ›(Schreib-)Verordnung‹ 1996 nahm man Bezug auf das computerbasierte ›Tippen‹, das eben einen Langstrich ermöglichte. Ich lernte ergo meine Tugenden in einer Periode, die vom Umschwung betroffen war. Mehr eigentlich noch, aber das spielt an dieser Stelle keine sonderliche Rolle – oder darf ich statt ›dass‹ noch ›daß‹ schreiben? Wer will so etwas ›zur Zeit‹ (richtig: ›zurzeit‹) – gemeint in den aktuellen Zeiten – noch lesen wollen? Ich bitte meine letzten zwei Fragesätze daher zu entschuldigen. Ich hatte beim Schreiben laut gedacht, das kommt gelegentlich (bei mir) vor . . . 

Zurück zum Thema – oder halten wir fest: Als ich meine Mittelschulaktivitäten anno 1996 erfolgreich beendete, um etwas Höheres anzustreben, war der Gedankenstrich (im Mai des gleichen Jahres) zwar schon bestimmt, aber noch derart unbestimmt, dass ihn kaum jemand praktisch an- oder verwendete. Die damaligen Schreibprogramme am Computer (allen voran Word) ließen dies auch noch gar nicht zu. Heutzutage – was auch schon wieder eine, nicht mal gefühlte Ewigkeit her zu seien scheint – verwandeln die gängigen Benutzeroberflächen bereits automatisch einen Bindestrich zu einem Gedankenstrich. Auslassungszeichen wie drei Punkte (›...‹) werden von den  Bedienelementen heutzutage ebenso wie aus Zauberhand umgewandelt (zu ›. . .‹) [= hässlich – wir merken uns das Wort]. Hart tun sie sich nur noch bei ›Bis‹-Angaben (Beispiel: 1992–1993) oder ›Strecken‹-Bezeichnungen – München–Hamburg –, womöglich daher weil Computer gerne rechnen (1992 ./. [minus] 1993) oder der Auffassung sind, dass es in München einen Stadtteil namens Hamburg gibt. Wer weiß das schon so (ganz) genau, was meine ergänzende (und unnötige) Erwähnung wäre, die möglicherweise auch gar nicht stimmen könnte.

Die tatsächliche Geburtsstunde des typografischen Gedankenstrichs, dort* auch an- oder aufgeführt als ›Langstrich‹, hatte ich allerdings hautnah miterleben ›dürfen‹ – ja, dürfen; ich hätte auch ›müssen‹ schreiben können, vermied aber jenes harte Wort der deutschen Sprache, jedoch einzig und allein deswegen, weil ich es ungern einsetze (es wäre in meiner Wahrnehmung dennoch nicht unbedingt falsch gewesen es zu nutzen, um nicht sogar zu sagen: richtig!). Trotzdem unterzog ich mich beharrlich lange Zeit der Anwendung besagtem Schriftzeichens, bei meinem Online-Texten und auch in meinen Taschenbüchern, Prosabänden und zahlreichen Groschenheften. Selbst bei beruflichen (und privaten) E-Mails schreckte ich nicht davon zurück dieses lange, schmale Schriftzeichen durch den kürzeren und etwas markanteren Strich ›händisch‹ immer wieder umzuändern, auch wenn es mir über die Jahre wohl viel Mehrzeit einbrachte und ich es auch automatisch ein- oder umstellen hätten können. Der wahre Grund ist bei mir, wie oftmals, äußerst trivial einzuordnen. Ich mag den, im US-amerikanischen Raum betitelten ›en dash‹ (›–‹), – bei uns eben bezeichnet als – Halbgeviertstrich einfach vom optischen Standpunkt her nicht (mögen wollen) – genauer gesagt: ich finde ihn hässlich (!), völlig unabhängig dessen, welche Schriftart ich benutze. Unter allen horizontalen Strichen gibt es nur noch eine Abart, die ich mehr ablehne: und zwar den in den Vereinigten Staaten (von Amerika) verwendeten ›em dash‹ (›—‹), der bei Einschüben auch noch ohne ein Leerzeichen aus- oder vielmehr daherkommt und somit den letzten Buchstaben des Wortes davor und den ersten Buchstaben des Wortes danach verbindet, sowie auch dann den letzten Buchstaben des letzten Wortes in der Einschiebung mit dem ersten Buchstaben des ersten Wortes nach dem (Gedanken-)Einschub ›zusammenwebt‹ –  zur Veranschaulichung ein eingängiges Beispiel: ›letztes Wort—erstes Wort—Wort danach‹
Als ich 2004 ein Buch aus der Feder zweier US-amerikanischer Autoren las, stoß ich zum ersten Mal auf das gegebene stilistische ›Phänomen‹, was für mich bis dahin noch als gänzlich unbekannt galt. Zufälligerweise war ich zu der Zeit auch dabei meinen LCCI-Business-Abschluss in Englisch [London Chamber of Commerce & Industry] zu machen und fragte daher meine (nord-)irische Lehrerin danach (aus); erst ein paar Monate später informierte ich mich über das Internet (selbst) näher darüber. Für mich persönlich war dies in jedem Fall ein weiterer Punkt – ein weiteres, einschneidendes Erlebnis –, meine grundsätzliche Abneigung zum Gedankenstrich aufrecht zu erhalten. Es gingen einige Jahre ins Land, ehe ich mich davon aus eigenen Stücken (heraus) überzeugte den ›gestreckten Strich‹ zumindest dann einzusetzen, wenn ich tatsächlich am Ende eines (langen) Satz einen (langen) Gedankeneinschub vornahm [Verkürztes Beispiel: ›Ich verreise (. . .) ungern – und ich tue es (. . .) selten.‹]. Meine Entscheidung hatte ich auch nie bereut, setzte sie aber zumeist (aus Faulheit) nur bei meinem gedruckten Verschriftlichungen ein. 
Damit man mich ein wenig besser verstehen kann, ein kleines Beispiel aus einem meiner ›Prosabroschürla‹**, wo ich abschweifend (kurz) über die Empfindung von Buchstaben schwadronierte:
 
›Es gibt Kompasse und Komparsen, Kosmopoliten und Kameraden. Ich mag alles nicht. Alle Wörter mit dem Anfangsbuchstaben "K" schreien mich an und verursachen Lärm in mir. Dabei könnte man sie so einfach mit einem "C" ersetzen. Doch Wörter, die mit "C" beginnen werden oft begleitet mit einem kleinen "h", was mir gruselt, weil kleine "h's" so unvollkommen sind, große (H's) dagegen bringen mich immer auf seltsame Gedanken. Ich finde und spüre dieser Buchstabe macht nur quergestellt etwas her. Dreht doch mal dieses "√–¦" herum. Nach rechts ist es irgendwie lustig, links herum gedreht eher weniger - perfekt. Wie lange habe ich darüber nachgesinnt - und wie albern scheint es darüber zu schreiben?‹

Der seichte Vorwurf, ich wäre textsprachlich ein Fünklein kognitiv-synästhetisch angehaucht, würde ziemlich gut zutreffen, obgleich ich den Buchstaben (oder Zahlen) keine Farben, Gerüche oder Geschmäcker zuweise, sondern sie als Symbole empfindsam wahrnehme. Um auf das Zitat, das Beispiel, einzugehen – und um in meine kleine Welt noch ein wenig detailverspielter einzutauchen – stelle ich mir beim Lesen oftmals ›k´s‹ oder ›K´s‹ als ein ›c‹ oder ›C‹ vor, vorausgesetzt dem jeweiligen ›K-Wort‹ folgt kein kleines ›h‹. Und wie bei Buchstaben verhält es sich bei mir (ähnlich) mit Zahlen. Berufsbedingt habe ich seit über 20 Jahren mit Zahlen sogar ziemlich viel am Hut, und lernte die handschriftliche Schreibweise der Amerikaner allmählich zu schätzen. Eine ›1‹ ist bspw. ein (vertikaler Strich) ›|‹ bzw. ein (großes) ›I[i], eine ›7(abgebildet ohne Querstrich in der Mitte) ist überspitzt dargestellt ein hebräischer Bindestrich (Makaf, ›־‹) kombiniert mit einem indischen (Devangari) Danda (Stock/Punkt, ›‹) [U+0964] – oder das: ›[U+2510]. Bei diesen zwei Beispielen will ich es an der Stelle belassen und anstelle dessen erwähnen, dass ich die ›8‹ von allen Zahlen am meisten liebe, nicht weil man ihr Unendlichkeit nachspricht, sondern weil ich sie aus zwei kleinen ›o´s‹ (bzw. zwei Kreisen) handschriftlich zusammensetze – eines oben, eines unten (ein Kreis oben, einer unten), beide miteinander bei ihren Schnittpunkten verbunden. Ich hatte diese Methode nicht in der Schule gelernt, sondern einst von einer Debitorenbuchhalterin im zarten Alter von 18 Jahren übernommen und bis dato konsequent beibehalten. Man könnte die ›8‹ – von meiner Warte aus betrachtet – auch gerne mit dem Unicode U+2296 [HTML: #8854] ablichten, was dann mehr oder weniger einer durchgestrichene Null oder einem großen ›O‹ (›0‹ / ›O‹) entspräche.
Neben der, nun (von mir) ›ausgearbeiteten‹, Hässlichkeit des Gedankenstrichs halte ich ihn auch für absolut unnötig, allseits verzichtbar und grundsätzlich entbehrlich. Als unverschämter Merksatz: Wer Texte ausschließlich unter der bedingten Verwendung von Gedankenstrichen lesend begreifen und korrekt (für sich) auffassen kann, (der) sollte an dem eigenen Textverständnis entschieden hart arbeiten.   

Um meine lange ›Rede‹ hierselbst zu einem schnellen Ende zu führen, sei kurz und bündig – ja, lapidar – gesagt: Ich verabscheue den Gedankenstrich aufs Tiefste! Er ist hässlich (und war von Beginn an obsolet)! 
Im Eintrag ›Der vermaledeite Gedankenstrich‹ habe ich mich der (vorgeschriebenen) Norm einmalig unterworfen [und des Weiteren ›einfache Guillemets‹ verwendet – so wie ein Deutscher (oder ein Österreicher) sie eben verwendet*** –], was heißt: in Zukunft werde ich das nicht nochmalig bei meinen Online-Texten tun; bei den entsprechenden gedruckten Verschriftlichungen werde ich mich indes (ab sofort) ›fügen‹ und diesen abscheulich-hässlichen . . . Gedankenstrich zur Anwendung bringen, obgleich er meinen eigenen (Schreib- und Lese-)Empfindungen aufs Schärfste widerspricht. Die ›. . .‹-Schei... werde ich dagegen unberührt und geflissentlich ignoriert lassen; was heißt: nicht gebrauchen. Ich verzeihe mir für solcherlei Unterfangungen selbst und benötige keinerlei Form von Zusprachen oder Anteilnahmen, verbitte sie hingegen auch nicht (den Lesenden . . .).        

Für eine letzte Anmerkung, einen letzten Einwurf, wäre ich für die Einführung des Tilde-Zeichens (›~‹) als neuen Gedankenstrich, wahlweise auch für zwei übereinanderliegende Tilden (›≈‹) oder gar derer 3. Für Schreibmaschinenliebhaber könnte man das ›Ist-gleich‹-Zeichen heranziehen oder ggf. dieses Symbol: ›`-´‹  bzw. ›´-`‹, je nachdem, was für einen Gedankeneinschub man zum Besten geben wird/will. ›Normaldenkende‹ müssen das nicht verstehen, könnten andererseits auch eine um 90 Grad gedrehte ›8‹ (›∞‹) verwenden, dann jedoch unter Zuhilfenahme zweier leicht hochgestellter Kreise, die sich nicht berühren sollten (›°°‹); um den ›Nicht-Kontakt‹ der Zeichen zu gewährleisten, könnte man auch eine Brille mit geradem oder abgeschrägtem ›Nasenflügelbügel‹ daraus ›basteln‹ – beispielshalber: ›°´`°‹ . . . [= hässlich].
Da ich unmittelbar Gefahr laufe in eine bescheidende Lächerlichkeit abzudriften, bedanke ich mich für die mir geschenkte Aufmerksamkeit über alle Maßen und ende hier – . . . [= hässlich] vielleicht unvollkommen, sicherlich zuhauf mit Myriaden an Wiederholungen, die zwar meinen generellen Standpunkt nicht untermauerten, aber (ihn) zumindest klar dargestellt haben sollten. 


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* Leitfaden DIN 5008:2020 – WICHTIGE ÄNDERUNGEN IM ÜBERBLICK, Seite 3:
** Neunundzwanzigster Februar – Prosaisches zur Zeit und Entstehung, Seite 34, Zeile 26ff. Nachzulesen hier:
https://nachadla.blogspot.com/2017/09/entstehungstagsprosa-teil-3.html.
**Franzosen und Schweizer stellen sie umgekehrt dar, nämlich mit den Spitzen nach außen. Ich bevorzugte im Übrigen die einfache Form, das halbe Spitzzeichen, weil ich eine Verdopplung für überflüssig halte, nicht aber als ›hässlich‹ bewerte. Bei der Anwendung jener Guillemets als Anführungszeichenersatzes ist die eingangs angesprochene Norm DIN 5008 mal keiner anderen ›Meinung‹ als meine Wenigkeit – mit all ihren [gemeint: meinen eigenen] Anschauungen; das betrifft auch die drei Punkte (›. . .‹). 

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