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Malzeichen oder Siegel?

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Über- oder bedenkenswert (Pt. 34)


Ist dies nicht verborgen bei mir,
versiegelt in meinen Schätzen?

5. Mose 32, 34 (AT, Elb. 1871, unrev.)

Ein weiterer grauer Tag begann. Wie an jedem Anfang der vergangenen fünf Tage, so riss auch dieser mich unsanft aus dem Schlaf mitsamt meinen Träumen. Drei Wecker sorgten dafür, dass mein Schlaf ein abruptes Ende fand und mein Traumzustand sich jäh in luftige Höhen verflüchtigte. Drei unbarmherzige Wecker, die seit nahezu einer Woche auf die gleiche Uhrzeit gestellt sind und unermüdlich ihren Dienst verrichten. Ein Dienst, auf den ich – seltsam mag es sich anhören – froh und mit befreitem Gewissen auf sämtlich verstrichene Morgen zurückblicke. Ganz besonders an die Morgen von Sabbaten. An Sabbaten, das sei anzumerken, stehe ich bereitwillig und darüber hinaus gerne zeitig für die Andacht, die Bibelstunde und die Predigt auf.

Womöglich gestärkt durch die Gemeinde, einhergehend beflügelt durch den regelmäßig endenden Choral (›Bevor wir auseinandergehn‹) und stets mit leichtem Gefühl bekräftigt, hatte es sich in den letzten Wochen eingeschlichen, dass mich mein Weg im Anschluss an die Predigt an Orte führte, wo emsiges Treiben als ein fester Bestandteil galt. Normalerweise meide ich solche Orte so gut es geht, es sei denn, es zieht mich in der Tiefe der Nacht hinaus, und dann meistens in städtische Gebiete, um mich auf ein Neues in der Sünde zu ergehen. Wie einst Chava ermöglicht mir mein freier Wille das teils unsägliche Begehen von Khata'im, das Erliegen in der Sünde, immer und immer wieder. Der freie Wille ist ein mächtiges Werkzeug, welches uns HaSchem bewusst mitgab und ließ – und zwar allen Wesen, allen Geschöpfen. Selbst das Engelwesen/die Engelscharen, bilden dabei keine Ausnahme, wie ich es kürzlich in einer Bibelstunde in Erfahrung brachte. Ein Drittel der Engelscharen – Myriaden an ihrer Zahl (Hebräer 12,22) – entzogen sich der Autorität G'ttes. Der Apostel Johannes greift den Begriff ›ein Drittel‹, also die Drittelung einer Gesamtmasse, zwar überaus häufig in seiner Offenbarung (und in 5 von 7 Posaunengerichten als Veranschaulichung) auf, dennoch wird man in der gesamten Bibel keine Passage finden, wo die Menge des Gefolges des Antagonisten explizit erwähnt wird. Nichtsdestotrotz muss es sich um eine große Menge handeln, so viel darf ungefragt anzunehmen sein.

Zwischen der Bibelstunde und dem Sermon tun sich gelegentlich Gespräche auf, ab und an auch ungefragt, in einem Fall sogar ein unerwünschtes, das eher in einen Monolog des Fragenden überging. Normalerweise bin ich der Meister des Monologs, doch manchmal halte ich ein, bleibe still und reduziere meine Antworten auf das Wesentlichste, insbesondere dann, wenn ich bemerke, dass sich mein Gegenüber in etwas verrannt hat. Reduziert ein Redner seine Aufmerksamkeit auf ein Ding, beschränkt er die eigene Sicht ausschließlich auf ein einziges Merkmal, wird es ohnehin schwierig, darauf angebracht zu reagieren. In jenem Zusammenhang schien mir ein adäquates und promptes Reagieren nicht nur schwierig, sondern geradezu unmöglich. Denn: Es ist förmlich und bei aller Liebe unmöglich, auf eine Frage korrekt zu antworten, die nicht richtig ausformuliert ist und – wie in meinem Beispiel –  daneben mit einer kindlichen Einfachheit daherkommt, die wenig Gefallen finden mag. ›Hast du Interesse am Malzeichen?, derart verkürzt könnte man die stumpfsinnige Frage ablichten. Nun, wer hat schon Interesse, wer fasziniert sich am Zeichen des Tieres? Wieso sollte ich mich darum kümmern, mich dafür interessieren oder gar faszinieren? Es kümmert mich nicht, es bekümmert mich zutiefst, solche oder ähnliche Erkundigungen aus dem Munde von Erwachsenen zu vernehmen, um ganz ehrlich zu sein. Das fällt eindeutig unter die Kategorie falscher Erkundigungen, jene, die mich bereits beim Stellen zum Stirnrunzeln bewegen und von einer Gegenrede tunlichst abhalten. Die Stirn, apropos, ist ein gutes Stichwort. Dort würde ich ansetzen wollen, weil Gutes über mich kommen soll, auf dass meine Gestalt bewahrt sei von Qualen. Das Siegel des lebendigen G'ttes – davon ist die Rede – wird 144.000 von uns Gestalten im vergänglichen Fleische schlussendlich schützen, während viele andere mit den Posaunen schallend untergehen. Eine schallende Alternative zur (obigen) absurden Anfrage wäre daher, ob Interesse daran (oder darin) bestünde auf zukünftige Qualen zu verzichten. Das persönliche und offenherzige Interesse an der Versiegelung zu bekunden, anstelle sich plagend mit Überlegungen zum Malzeichen hinzugeben, käme naturgemäß deutlich besser an. Nach meinem Verständnis der apokalyptischen Prophetie müssen sich nämlich nachweislich (potentiell) Versiegelte keinerlei Sorgen um das Malzeichen machen + in der Tat auch null unnötige Gedanken im Vorfeld dazu befeuern. Und damit ich nicht in den Sog gleichartiger Gedanken getrieben werde, schließe und ende ich an der Stelle. Versiegelt sei der Eintrag an unscheinbarer Stelle bis zum letzten Morgen.

Meine Übertretung ist versiegelt in
einem Bündlein, und du häufest
aufª) meine Ungerechtigkeit.

a) nähest zusammen, od. erdichtest hinzu
Hiob 14,17 (AT, Elb. 1871, unrev.)

Postskriptum: Der gesamte Text lebte von Wortwiederholungen aus den jeweils vorangegangenen Sätzen. Ich wollte das schon lange mal versuchen/angehen. Es war nicht leicht und ich glaube, es könnte, wenn der Text länger geworden wäre, ebenfalls nicht leicht für einen unbefangenen Leser werden, über eine Vielzahl derer sang- und klanglos dahingehenden und verfliegenden Zeilen zu huschen.

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